Es ist Sommer in Szechuan, als ich am 18. August mit der China Airlines von Shanghai kommend in Chengdu lande. Sommer in Szechuan bedeutet die Temperaturen sind hoch und es regnet viel. An diesem Tag ist der Himmel verhangen, doch der Regen lässt sich noch Zeit. Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Szechuan, empfängt mich laut mit Ihren 13 Millionen Einwohnern, aber durchaus angenehm. Mein Freund Qiaohui begleitet mich, auch für Ihn ist es das erste Mal in dieser Provinz.
Anlaufstelle in dieser Stadt ist für viele Touristen, so auch für uns, das Traffic Hotel in der Linjiang Lu 77. Hier gibt es die Möglichkeit für ausländische Touristen, die des Chinesischen nicht mächtig sind sich, mit Hilfe der im Hotel befindlichen Reisebüros, auf Szechuans Sehenswürdigkeiten einzulassen. Doch mir und Qiaohui schwebt etwas ganz anderes vor: wir wollen das wilde Szechuan entdecken und meinem Traum verwirklichen einen grossen Panda in der Natur zu beobachten. So entscheiden wir uns Szechuan mit dem Bus zu erobern. Chengdu besitzt 4 grosse Busbahnhöfe , in allen 4 Himmelsrichtungen einer.
Unser Weg soll uns in den Norden nach Juizhaigou führen, so steuern wir den nächsten Morgen ausgeschlafen, den Nordbusbahnhof an. Ein Glück die Übersichtstafel der Buslinien ist auch in lateinischer Schrift, so kann ich mich mit orientieren, aber an welchem der 10 Schalter bekommen wir nun die Fahrkarten? Na ein Glück, Qiaohui ist dabei und erklärt, dass die ersten beiden Schalter für uns die richtigen sind. Die erste Etappe nach Norden heisst Chengdu-Mianyang-Jiangjou, Fahrtzeit ungefähr 4 Stunden.
Wir werden in Jiangjou die Nacht bleiben, da mich ein abgelegenes Kloster in Dou Tuan Shan reizt. Viele bezeichen es als das "Meteora" (Bergklöster in Griechenland, die auf den Spitzen verschiedener Nadelberge sitzen) Chinas. Und wirklich als wir dort ankommen, erscheint mir das buddistische Kloster wie in einem chinesischen Rollbild. Der Nebel zieht durch die Nadelberge und hüllt die Tempelanlage, die sich wie ein Schwalbennest an den Berg schmiegt, immer wieder ein. Hier ist China noch abgeschieden und kaum touristisch erschlossen. Mit grossen Augen betrachtet der Raucherstäbchen verkaufende Mönch die völlig verzückte Langnase. Wir erkunden die Tempelanlage und lassen uns von den aus den Lautsprechern tönenen buddistischen Klängen verzaubern. Dann geht es per Taxi zurück in die Stadt.
Am nächsten Morgen folgt einer der anstrengendsten aber auch landschaftlich beeindruckendsten Passagen unserer Tour durch Szechuan- die Strecke Jiangjou-Juizhaigou. Die Fahrtzeit beträgt 12 Stunden und die Strasse windet sich durch mehrere Flusstäler. Hier rächt sich die von uns gewählte Reisezeit Sommer- durch starke Regenfälle wird die Strasse immer wieder durch herabkommendes Gestein und Geröll von den Bergen sehr schwierig passierbar und der Bus zu nicht eingeplanten Halten gezwungen. Nichtdestotrotz geniesse ich es, die Ungezwungenheit der Chinesen zu beobachten-jeder Fahrgast hilft mit die Strasse wieder freizubekommen, damit es weitergehen kann. Im Anblick der wieder stark bewaldteten Berge- Szechuan hat in den letzten Jahren wieder stark aufgeforstet- verfalle ich ins Träumen und denke an meine heissgeliebten Pandas. Diese durchstreifen diese Berge in ca. 1500 - bis 3000 m Höhe. Erst jetzt wird mir bewusst, was Qiaohui mir erzählte, das ein grosser Teil Szechuan besonders hoch liegt.
Unser Ziel Juizhaigou liegt auf 2000 m- 4000 m Höhe und dieser Nationalpark ist das Juwel Szechuans, wenn nicht gar ganz Chinas. Es gibt ein Sprichwort: "Hast du erst die Seen Juizhaigous gesehen, werden dir alle anderen Seen nichtig erscheinen." Ich kann nur sagen, dieses Sprichwort hat seine Wahrheit- diesen Nationalpark muss man gesehen haben. Besonders eindrucksvoll wirkt er im Herbst, wenn neben den Farben der Seen auch das bunte Laub dazukommt. Leider hat diese Zeit auch Ihren Nachteil, weil in der Hauptwoche im Oktober, wenn es am schönsten ist, Touristenschwärme aus allen Provinzen Chinas heranreisen und den Park bevölkern.
Der Park umfasst 3 Täler die erschlossen sind und deren Strassen mit umweltfreundlichen Elektrobussen befahren werden. An allen schönen Punkten gibt es Haltestellen, an denen man aus- und einsteigen kann. Die Chinesen sind recht lauffaul, so dass man den Touristengruppen sehr leicht entgehen kann, wenn man sich etwas weiter als üblich in die Landschaft begibt. Der Park ist mit schönen Wanderwegen versehen, die alle Seen miteinander verbinden, die aber von der Mehrzahl der Chinesen nicht genutzt werden. Zudem finden sich in den Tälern kleine tibetische Dörfer, in denen man übernachten und auch sehr schöne Souvenirs erwerben kann. "Juizhaigou" bedeutet nämlich 9 Dörfertal. Man sollte 2 Tage mindestens einplanen, um einiges erwandern und sehen zu können. In den letzten Jahren wurde hier viel gebaut, sodass der Park über eine gute Infrastruktur verfügt. Gottseidank wurden die neuen Gebäude auch bisher im traditionellen Stil der Einheimischen gebaut.
Neben Juizhaigou lohnt sich auch ein Abstecher ins benachbarte Huanglong, was wir natürlich auch besichtigten. Es gibt Busverbindungen zwischen den beiden Parks, wobei aber hier auch 4- 6 Stunden Fahrzeit, je nach Wetterlage eingerechnet werden müssen. Wir haben in Huanglong übernachtet, die meisten jedoch fahren nach Besichtigung des Parks direkt weiter nach Songpan. Huanglong bedeutet gelber Drachen und bezieht sich auf die wunderschönen Sinterterrassen, an denen man auf einem sehr anstrengenden Fussmarsch entlang wandern kann. Die Anstrengung liegt hier nicht in der Entfernung, ein Weg ca. 8 km, sondern in der extremen Höhe.Man wandert in ziemlich kurzer Zeit auf fast 4000 m. Deshalb werden auch überall am Wegesrand von geschäftstüchtigen Leuten Sauerstoffflaschen an die Touristen verkauft. In diesem Park sind neben den Naturschönheiten auch die zwei Tempel, ein buddistischer und taoistischer Tempel sehenswert. Gerade der Letzte liegt malerisch an einem grossen Sinterterrassenfeld.
Songpan als nördliche Provinzstadt ist der Dreh- und Angelpunkt für die Region. Hier kann man sich nochmal mit allem Wichtigen eindecken, bevor man in die beiden genannten Nationalparks aufbricht. Zudem wirkt die Stadt durch ihre alte, um die ganze Stadt gehende, Stadtmauer pittoresk und lädt zu einem kurzen Verweilen ein.
Nachdem ich schon in Juizhaigou und Huanglong auf Pandabärenspuren gestossen war, diese sich aber aufgrund der Unmenge Touristen nicht sehen liessen, hiess es nun auf zum Wolong Nationalpark. Auch diese Strecke sollte für mich und meinem chinesischen Freund wieder eine Herausforderung darstellen. Zuerst verlief unsere Busfahrt noch sehr zügig und wir erreichten am Abend wie geplant Maoxian. Maoxian ist Hauptstadt der Minderheit der Mian , die sich durch besonders bunte Trachten auszeichnen. Am frühen Morgen erreichte uns dann die Meldung, dass die Strasse von Maoxian nach Chengdu durch ein extremes Unwetter vom Wasser weggerissen wurde. Nach den Auskünften hiess es würde die Reparatur mindestens eine Woche betragen. Meine Pandabärenträume, so schien es, sollten sich in Luft auflösen, als uns eine weitere Meldung zu Ohren kam. Die Strasse ist für den Schwerverkehr und Busverkehr zwar unpassierbar, aber für kleine Autos und Motorräder müsste es gehen. Zudem wenn wir weit genug vorankämen, könnten wir bis zur Abzweigung nach Wolong gelangen, wo dann die Strasse wieder in Ordnung war. Wir hatten Glück - durch Qiaohuis Verhandlungsgeschick gelang es uns einen Kleinwagen zu bekommen, der uns mit einer weiteren chinesischen Familie nach Wolong bringen sollte.
Wolong ist das Zentrum in China für den grossen Panda und ist auch international bekannt. Im Nationalpark liegt auch das Giant Panda Research Center, das in den letzten Jahren mit ihren Erfolgen in den Geburten neuer Pandas Schlagzeilen machen konnte. Zudem wurde das Zentrum vor ein paar Jahren mit Hilfe des WWF und anderer Tierschutzorganisationen umgebaut. Besonders beeindruckend waren für mich die grossen Naturgehege, die in den Urwald hineingebaut wurden und die Möglichkeit geben, die Pandas in fast natürlicher Umgebung beobachten zu können. Einen Panda in der Natur beobachten zu können, ist als Tourist völlig unmöglich. Sogar ausländische Wissenschaftler die mehrere Jahre dort arbeiteten, erklärten noch nie einen Panda in der Natur gesehen zu haben. Trotzdem war Wolong für mich eine schöne Erfahrung und sicherlich der Höhepunkt meiner Tour durch das wilde Szechuan.
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