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| Am 1. Febr. 2007 hatten wir das Glück dem Thaipusam Fest in Singapur beizuwohnen. Die Bilder die wir dort gemacht haben, mögen vielleicht den einen oder andern von Euch erschrecken, aber das Lesen unseres Reiseberichtes sollte Eure Wahrnehmung ins richtige Licht rücken. |
 Am Nachmittag unseres letzten Tages in Singapur fanden wir eine Broschüre über das Hindu-Fest Thaipusam, welches am nächsten Tag stattfinden sollte. Spontan beschlossen wir abzuklären, ob wir unseren Flug verschieben und den Aufenthalt in unserem Hotel verlängern könnten. Beides war möglich, doch für die Umbuchung des Fluges mussten wir € 15 bezahlen. In Anbetracht dieser einmaligen Chance war dies aber absolut lohnenswert.
Nun versuchten wir genauere Informationen zum Fest zu bekommen und auf dem Verkehrsbüro sagte man uns, dass es keine Parade zu einem bestimmten Zeitpunkt gäbe, sondern dass die Gläubigen während des ganzen Tages am 1. Februar von einem bestimmten Tempel zu einem andern pilgern würden.
Ganz zufälligerweise sahen wir, dass ein Teil der Strasse bereits für den Verkehr gesperrt war, als wir (am 31.1.) nach dem Nachtessen zu unserem Hotel in “Little India” zurück kehrten. Genau um Mitternacht brachen die ersten Pilger nämlich bereits zu ihrem Leidensweg auf. Manche hatten sich bereits wochenlang mit strikter Diät und Abstinenz und jetzt nochmals stundenlang mit Meditation im Hindu Tempel darauf vorbereitet. Indische Hindus, aber auch ein paar Leute anderer Volksgruppen, welche von der indischen Gottheit “Lord Murugan”, auch unter dem Namen Lord Subramaniam bekannt, der feenhafte Kräfte besitzen soll, einen Wunsch erfüllt haben möchten oder sich für einen erfüllten Wunsch bedanken möchten, nehmen am jährlichen Thaipusam Fest teil. Man glaubt, dass einem der Gott besser erhört je mehr Last und Anstrengung man auf sich nimmt währendem man den 4 km langen Pilgerweg abschreitet. Manche versprechen dies 5 oder 10 Jahre hintereinander zu tun.
Am Anfang sah man vor allem Frauen und Kinder an der Parade. Alle Umzugsteilnehmer waren in gelbe oder orange Roben gekleidet und trugen Milch für die Götter, meist auf ihren Köpfen. Die dafür verwendeten Töpfe waren recht schwer und wurden “Paal Qudam” genannt. Die ersten Teilnehmer hatten oft ein paar kleine Nadeln in ihre Stirnhaut gestochen. Viele hatten aber auch ihre Wangen und Zunge mit Metall-Spiesschen durchbohrt auf die man jeweils noch ein kunstvolles Symbol (Dreizack) steckte.
Je später die Nacht umso extravaganter und zahlreicher wurden die Spiesse und Speere, welche in die Haut gebohrt waren, vor allem, aber nicht ausschliesslich bei Männern. Etwa um 02:00 Uhr begaben wir uns zum Tempel wo sich die Gläubigen für den Umzug vorbereiteten. Als wir uns erkundigten, ob wir den Tempel betreten dürften, antwortete man uns: “selbstverständlich! Ihr könnt euch frei umsehen, das kostet nichts. Nur diejenigen die den “Pilgerweg” (entlang der Hauptstrasse) ablaufen, müssen bezahlen”. Wir wurden nur gebeten, die Schuhe auszuziehen.
Über einen Teppich aus verschütteter Milch und bunten Pudern betraten wir den geschmückten Tempel wo ein grosses, aber gut organisiertes Chaos herrschte. Die Atmosphäre war ruhig und mysteriös und alle waren damit beschäftigt irgendwas zu tun. Die Gläubigen beteten nach einem rituellen Bad und brachten den Göttern Opfergaben. Jede Familie suchte sich ein Plätzchen, welches mit Zeitungspapier oder einer Matte belegt wurde. Darauf wurde nun alles ausgebreitet das sie zu den Vorbereitungen für die Parade brauchten. Die einen versetzten sich in Trance während andere die Haken und Spiesschen dekorierten, welche später in die Haut gebohrt würden. Danach wurden Federn und religiöse Symbole auf die schweren Rahmen der Bürden befestigt, welche später von denjenigen in Trance zum andern Tempel gebracht werden würden. Von den Pilgern die wir gesehen hatten, war nur eine Minderheit sichtbar in Trance; die meisten bezwangen die Situation mit reiner Willenskraft.
Nach dem rituellen Bad, welches darin bestand, dass man sich eimerweise Wasser über die Kleider goss, schlotterten die meisten sehr. Später hingegen, wo wir zusahen, wie die Teilnehmer ihre Wangen und Zungen mit Spiesschen durchbohren liessen, hatten wir nicht den Eindruck, dass jemand dabei litt. Richtig gelitten hätten sie wohl erst, wenn ihnen die Benutzung des Mobil-Telefones an diesem Anlass verboten worden wäre! Glücklicherweise waren aber die heiligen Schriften der Hindus lang vor der modernen Zeit geschrieben worden.
Ansonsten waren aber den Ideen, wie man sich noch mehr Härte auferlegen kann, überhaupt keine Grenzen gesetzt. Nicht nur die Stirn, Wangen oder Zungen wurden durchbohrt; einige erhofften sich noch mehr Gunst wenn sie zusätzlich mit Fleischerhaken dutzende von Orangen, Zitronen oder kleinen Milchkrügen an ihrer Brust, ihrem Rücken, ihren Beinen oder am ganzen Körper befestigten.
Etwas Typisches am Thaipusam-Fest ist das Tragen von “Kavadi’s“, welche halbrunde Rahmen aus Metall und Holz sind und nur von Männern getragen werden. Sie sind oft mit Pfauenfedern, Bildern von Gottheiten, Blumen oder goldenen Symbolen geschmückt. Die Gestänge aus dünnen Metallstreifen haben einen Durchmesser von etwa 2 Metern und sollten gemäss singapurianischem Gesetz nicht höher als 2 Meter sein. Sie können zwischen 30kg bis 150kg wiegen. Oft sind die Kavadi’s mit bis zu 200 kleinen langen Spiessen, welche in die Haut gebohrt wurden, am Körper des Trägers abgestützt. Andere wiederum wurden um die Hüfte oder auf den Schultern abgestützt und von diesen schwangen sich für gewöhnlich dutzende von goldenen oder silbernen Kettchen, welche durch Fischhaken mit dem Körper lose verbunden wurden, hinauf zum Rahmen.
Wer einen besonders grossen Wunsch oder besonders viel Dankbarkeit ausdrücken wollte, zog oft noch einen Anhänger mit einer Statue von einer Gottheit hinter sich her. Die Seile mit denen dieser Anhänger gezogen wurde, waren mit Fleischerhaken im Rücken festgemacht. Fast alle Gläubigen marschierten barfuss, aber einen sahen wir sogar mit Nagelschuhen!
Im Gegensatz zur Nacht, wo fast alle Teilnehmer eine gelbe Robe getragen hatten und ein ununterbrochen dichter Pilgerzug der Strasse folgte, sah man am Tag nur noch kleinere Gruppen, meist Männer, welche einander im Abstand von etwa 10 Minuten folgten. Dafür trugen nun fast alle einen Kavadi.
Das Thaipusam Fest hat seinen Ursprung in Tamil Nadu in Indien aber dort darf es inzwischen nicht mehr abgehalten werden, da laut indischem Gesetz jegliche Art von religiöser Selbsttortur verboten sei. In Singapur und Malaysia gibt es hingegen grosse Prozessionen mit mehreren tausend, wenn nicht zehntausenden von Teilnehmern. Hier führte der Menschenzug parallel am Verkehr vorbei der von einem Heer an Sicherheitsbeamten unter Kontrolle, aber flüssig gehalten wurde.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Ärzte während dieses Festes oft damit beschäftigt sind, ungenügend vorbereitete Pilger zu behandeln. Obwohl man sozusagen kein Blut sieht, kommt es doch vor, dass einige durch Überanstrengung durch den langen Marsch in der Hitze (bis 8 Std.) zusammenbrechen oder ihre Wunden danach nicht so schnell verschwinden wie sie glaubten.
Es ist aber enorm beeindruckend, dass diese Leute es schaffen ihren Geist mental so unter Kontrolle zu bringen, dass er offensichtlich von körperlichen Schmerzen nicht belangt werden kann!
Die Beschreibung von all dem mag vielleicht wie Horror tönen und wir haben einige Touristen am Strassenrand gesehen, denen der Schrecken auf dem Gesicht stand. Normalerweise sollen Schmerzen ja anzeigen wo dem Körper was fehlt, aber das Thaipusam Fest hat uns aufgezeigt, dass jedermann in der Lage ist, seinen Geist so zu beherrschen, dass er keine Schmerzen verspürt, egal welche „Grausamkeit“ dem Körper gerade zugefügt wird. Das Wichtigste ist, dass man absolut sicher ist, dass man dies so will und dass man auch bereit ist, mit eventuellen Konsequenzen zu leben. Dies ist wohl schon die Basis, dass ein Wunsch schlussendlich auch in Erfüllung geht. Denn genau wie mit allem andern, muss man zuerst an sich selbst glauben bevor man etwas erreichen kann. So hinterliess uns das Thaipusam Fest einen viel tieferen Eindruck als nur den eines „farbigen Umzuges“. Diejenigen Touristen, die darüber bloss ihre Köpfe schüttelten, haben aber kaum etwas davon gelernt.
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