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Eine Reisereportage von Florian Rickert

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  Tee  

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Man könnte meinen, dass in China alle immerzu nur Tee trinken. Das ist aber falsch! Zumindest in Peking trinken die Leute, vor allem die Studenten, normalerweise HEISSES WASSER. Tee ist eher so aus alter Tradition und somit eher etwas für die Älteren. Wenn Tee getrunken wird, dann kommen die Blätter und das Zeug direkt in das Wasser, ohne Teebeutel. Später beim Trinken hat man dann immer ein paar der Zutaten im Mund und ich denke ich bevorzuge immer noch den Beutel. Außerdem muss ich zugeben, dass mir die Geschmacksrichtungen in Deutschland deutlich besser schmecken, für China also heißt das: Lange lebe das heiße Wasser!
Wie dem auch sei, die Chinesen lieben jedenfalls Tee (bzw. heißes Wasser), man sieht sie also typischerweise mit einer Thermoskanne auf dem Unigelände herumlaufen, eine Flasche neben sich an der Kasse im Geschäft stehen oder einfach so auf der Straße, in der Hand ein Marmeladenglas mit einem Gummiband zum tragen und darin heißes Wasser mit eine paar Blättern. Aber wo kommt all das heiße Wasser her? In der Renmin daxue (Universität des Volkes) gibt es Heiß-Wasser-Räume in denen einige Boiler und dazu eine Schar von Studenten mit Thermosflaschen, die sich gerade daran bedienen. Im Zug gibt es neben dem Klo einen Raum in dem ein Kohlenofen auch permanent heißes Wasser produziert - falls die Thermosflasche, die in jedem Abteil steht, leer sein sollte.


  Essen  

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Sei vorbereitet! Sei vorbereitet überrascht zu werden! Sei vorbereitet auf den Schock!
Man kann alles auf den Tellern vorfinden: Schwein, Rind, Hund, Schildkröten, kleine Vögel, Hühnchen, Hasen, Schwänze, Krallen, alles. Nicht alles jeden Tag und manche Dinge sind wahre Delikatessen und damit beim Restaurant um die Ecke nur schwer zu bekommen, aber es gibt sie. Wobei Restaurant eher der falsche Ausdruck ist, Essgeschäft wäre wohl richtiger, Fressbude mit Stühlen auch nicht zu weit entfernt. Denn normalerweise handelt es sich nur um einen Raum mit einem Ofen in einer Ecke, Gemüse und Fleisch am Eingang und dazwischen irgendwo ein paar Tischen mit Stühlen. Um das Essen zu bestellen geht man dann mit der Bedienung zu den Zutaten am Eingang und sagt ihr was man wie zubereitet gerne hätte.
In der Stadt gibt es natürlich auch oft eine Karte und wenn man Glück hat, hat diese auch ein paar Fotos als Orientierungshilfe, was man so ungefähr gerade bestellt. Normalerweise bestellt man mehrere Gerichte, die dann alle in der Mitte des Tisches abgestellt werden und jeder nimmt sich dann davon legt es kurz in der Reisschüssel vor sich ab und steckt es dann in den Mund. Wenn du es schaffst alles aufzuessen, was bestellt wurde - wurde zu wenig bestellt. Es sollte immer deutlich mehr sein, als man essen kann.

Chinesen schmatzen beim Essen. Für einen Deutschen kann das sogar recht schockierend sein, allerdings nur so lange, bis das Essen Knochen enthält. Chinesen stecken das Fleisch nämlich mit den Knochen in den Mund, kauen das Fleisch ab und spucken den abgenagten Knochen dann entweder auf den Tisch oder auf den Boden. Manchmal war dadurch der Restaurantboden sogar etwas glitschig und rutschig. Das ist definitiv das, was ich am wenigsten an China mag. Um ehrlich zu sein: Ich war schockiert und ich hasse es.

Das meiste des Essen, dass ich hier China aß hatte ich noch nie zuvor in einem chinesischen Restaurant in Deutschland gesehen. Einmal bestellte ich in China "Schweinefleisch süß-sauer", einen der Klassiker der China-Restaurants in Deutschland. Was mir dann gebracht wurde hatte überhaupt nichts mit dem Gericht zu tun, dass ich erwartet hatte und sogar der Geschmack war anders. Es liegt die Vermutung nahe, dass es in einem Land so groß wie ein Kontinent eventuell mehr als eine Süß-sauer-Soße gibt. Es hat den Anschein, als würden die chinesischen Restaurants in Deutschland nur eine sehr geringe Bandbreite der wahren Fülle an Gerichten anbieten. Das Essen dort schmeckt mir immer noch gut, aber ich würde mir jetzt doch ein größere Auswahl wünschen. Andererseits wäre es wohl mit einem europäischen Restaurant in Asien genau andersherum - kein Obatzda, keine Apfelkircherl, nur die berühmten Gerichte, die jeder kennt.


  Religion  

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Die meisten Chinesen haben keine Religion. Aus christlicher Sicht: "Sie glauben nicht an Gott." Oops, da sind wir gleich in das erste Problem gerannt: Der Buddhismus hat überhaupt keinen Gott. Und beim Daoismus bin ich mir nicht mal sicher, ob man das in Europa als Religion bezeichnen würde. Es gibt dafür Tempel, aber so weit ich verstanden habe, gibt es nur Richtlinien als Hilfen zur Gestaltung des Lebens, also niemand zum Anbeten und auch nichts wofür man beten könnte.
Wie dem auch sei, einige Chinesen (vor allem die Minderheiten) haben eine Religion (Christentum, Islam, Daoismus, Buddhismus und Naturreligionen waren die, die ich sah). Aber die meisten Chinesen stehen dem allen sehr offen gegenüber und beten in irgendeinem Tempel der gerade vorbei kommt. So eine Art "Es kann nicht schaden und vielleicht hilft's ja. Probieren wir's mal". Oder wenn es ein Problem in ihrem Leben gibt (z. B. dass sie keine Arbeit finden) gehen sie einfach in den Tempel der gerade am nächsten ist und beten dort.
Die Zahlenmythologie spielt dabei eine große Rolle, man zündet beispielsweise in einem Tempel die Zahl an Räucherstäbchen an, die dem entspricht, was man gerade braucht (3 = Energie, 8 = Geld, 9 = langes Leben, 10 = alles super). Die meisten Leute wählen die 9 (und ich dann ebenfalls, als ich das mal ausprobiert habe), aber warum nicht alle einfach 10 nehmen bleibt mir unerklärlich - oder ist es die chinesische Art zurückhaltend zu sein?


Die chinesische Sprache



Chinesisch ist nicht so unglaublich schwierig wie ich zuvor dachte. Oder zumindest der Anfang ist nicht sooo schwer. Man nimmt einfach die weniger komplizierten Schriftzeichen und lernt die Aussprache und die Bedeutung dazu auswendig. Sehr bald sieht man das Schriftzeichen dann überall und versteht vielleicht sogar schon das eine oder andere. Eines der 4 Zeichen, das ich gelernt habe, ist '大' = 'da' und bedeutet "groß". Ein paar Tage später wollte ich in eine Stadt namens "Dali" fahren, der Name begann also mit dem gleichen Zeichen '大' :-)
Ok, naja, man muss für jedes Schriftzeichen das Zeichen+Bedeutung+Aussprache lernen, wo man in westlichen Sprachen nur die Bedeutung lernen muss (und eventuelle ein paar generelle Aussprache regeln, die vom Deutschen abweichen). Also, wenn man das alles für die etwa 3000 Zeichen gelernt hat, die im täglichen Leben so verwendet werden, dann ist es höchste Zeit sich den Bedeutung der Wörter aus 2-4 Zeichen zu widmen. Du hast gehört, das jedes Zeichen ein eigenes Wort ist? Nun, das ist richtig, es ist aber eher eine Silbe. Nun, das ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn die meisten Wörter bestehen aus mehr als einer
Silbe: Ausgang (出口), China (中国), Universität (大学).

Wenn du dich richtig verlaufen willst, empfehle ich irgendwo in einer größeren Stadt herumzulaufen. Oft gibt es keine Schilder mit den Straßennamen. Sollte es Straßenschilder geben, dann sind diese Straßen nicht auf dem Stadtplan (aber dafür ein Schwung Straßen mit ziemlich ähnlichen Namen) oder du kannst die Straße einfach nicht finden, weil du in der falschen Ecke des Stadtplans schaust, total verloren in der Stadt deren Häuserblocks sich so stark ähneln und alle die selbe anonyme Szenerie bieten. Du kannst nicht nach dem Weg fragen, weil du die Antwort nicht verstehen würdest. Sollte dir doch jemand die Richtung zeigen, bist du immer noch verloren weil Chinesen eher irgendeine Richtung zeigen als zuzugeben dass sie keine Ahnung haben (wo der gefragt Ort ist, oder wovon du überhaupt sprichst).
Nach ein paar Stunden des Umherirrens bist du nicht nur ein bisschen besorgt sondern auch hungrig. Das ist glücklicherweise einfach zu lösen: Gehe einfach zu einem der Händler, die Essen auf der Straße verkaufen, zeige auf etwas und zeige ihm dann mit den Fingern, wie viel du davon möchtest. Wenn du Glück hast, hast du den Zeigefinger benutzt um "1" zu zeigen, hast du den Daumen benutzt hast du auf Chinesisch "6" gezeigt.
Mein Orientierungssinn war aber bis jetzt immer gut genug mich wieder nach Hause zu führen - wenn ich auch manchmal ein bis zwei Stunden später ankam als erwartet. Einmal konnte ich mich aber wirklich nicht verständlich machen: In einem Bus in Peking. Ich sollte der Kassiererin den Namen meiner Ausstiegshaltestelle sagen. Das ist dort nötig um den Fahrtpreis zu bestimmen. Nachdem ich es mit großer Mühe mehreren Leuten im Bus vor gebetet hatte, die mich alle nicht verstanden, dann versuchte es auf dem Busfahrplan zu zeigen, bei dem ich aber bei 43 Haltestellen passen musste, fand ich am Ende in meiner Tasche einen Zettel mit dem Namen der Uni in der ich wohnte. Ich war gerettet. Am Ende zeigte signalisierte mir die Kassiererin dann auch noch, wann ich aussteigen solle (in der Nacht erkannte ich die Station irgendwie nicht ...).

  Chinesen sind Deutsche  

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Hierüber fand ich keinen Hinweis in irgendeinem Reiseführer oder anderen Buch. Das überrascht mich ehrlich gesagt, denn für mich ist es ziemlich offensichtlich: Chinesen sind Deutsche. (Oder Deutsche sind Chinesen.) Ok, wir sehen ein bisschen anders aus, aber tief im Herzen sind wir ziemlich ähnlich - im Allgemeinen meine ich, natürlich gibt es Ausnahmen. Im Besonderen sind wir beide gute was technische, Ingenieursdinge anbelangt. Die Deutschen produzieren Maschinen in höchster Präzision, während die Chinesen sie (bis jetzt) in höchster Präzision kopieren. Design ist nicht unsere Stärke, sondern mehr der Franzosen, Italiener oder Japaner. Wir liefern stattdessen verlässlich gute Arbeit ab. In der Früh fangen wir pünktlich um 8 Uhr an, machen um Punkt 12 Uhr Mittag und gehen pünktlich um 5 nach Hause und dann nach den Tagesthemen zu Bett. Also, wir mögen Regeln und genaue Zeitpläne. Wir sind pünktlich. Beide unsere Regierungen zeichnen sich durch enorme Bürokratie aus, die niemand so richtig versteht. Und wir sind beide dabei damit aufzuräumen. Eigentlich ist China mehr so, wie das Deutschland der 60iger Jahre - die Industrieproduktion wächst immens, es findet seinen Platz in der Welt und die Menschen können ihr erstes Geld in Luxusgüter wie Autos investieren.
Natürlich gibt es auch Unterschiede. Vielleicht der größte ist, dass Deutsche ehrlicher sind. Wir geben zu, wenn wir etwas nicht wissen und wir würden ein Konkurrenzprodukt nicht einfach kopieren.
Es wird interessant sein, wie sich die Beziehungen zwischen China und Deutschland entwickeln werden. Wird es eine besondere Verbindung geben? Und ob wir uns wirklich wie Geschwister ähnlich sind, oder mein Eindruck einfach falsch war. Ich bin gespannt :-)


  Zusammenfassung  

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Letztendlich sind China und die Chinesen in vielen Punkten sehr verschieden von Deutschland und den Deutschen. In vielen Punkten sind sie aber genau wie du und ich. Wie dem auch sei, ich habe in China viele sehr interessante Dinge gesehen, vor allem was du Kultur und das Verhalten der Leute anbelangt. Auch viele Dinge, die mich angeregt haben über meine Kultur nachzudenken. In China zum Beispiel hat jeder ein Netzwerk von "Freunden" - Freunde eher in dem Sinne, wie jemanden den man mal um einen Gefallen bitten kann. Mein erster Gedanke war das dies doof und schlecht ist. Als ich mehr darüber nachdachte ist mir aufgefallen, dass es das gleiche wie hier in Deutschland ist. Man ist nett zu Leuten, die man eigentlich gar nicht mag (Schwiegermutter, Professor an der Uni, Vermieter, ...), aber zumindest mir ist es noch nie so aufgefallen, dass es eigentlich das selbe wie in China ist, nur unbewusster.
Außerdem muss ich zugeben, dass ich nur einen sehr kleinen Teil Chinas gesehen habe. Wäre China Europa hätte ich nur London und die Schweiz gesehen. Als Deutscher bestehe ich vehement darauf, dass das nicht ganz Europa ist! Folglich habe ich auch nicht ganz China gesehen. Das bedeutet es gibt noch viel zu erkunden und all das, was ich hier geschrieben habe ist in den 99% Chinas, die ich noch nicht gesehen habe, völlig falsch. Solltest du hier nach einem Ratschlag suchen: Ja, ich empfehle nach China zu fahren. Ich war von vielen Dinge die ich dort sah überrascht. Und es war sehr anders, als ich es erwartet und hier in den Zeitungen zuvor gelesen hatte. Nun, ich denke dieses Jahr ist nicht das letzte, in dem wir etwas von China hören werden, warum also nicht hinfahren und sich mal genauer umsehen? Ich würde es definitiv wieder tun :-)
Aber ich muss auch zugeben, dass mich nicht in China verliebt habe - es war sehr interessant, manchmal wunderschön und manchmal beeindruckend, aber es hat es nicht in meine Liste meiner 5 Lieblingsländer geschafft. Aber, Hey!, es gibt weit mehr als 100 Länder auf der Erde - nicht jedes kann unter den besten 5 sein!
Mir ist übrigens kein einziger der Schocks aus dem Reiseführer (siehe weiter oben) zugestoßen.


Danksagung an Nanfen



Ich möchte diese Chance nutzen mich nochmal auf das herzlichste bei Nanfen zu bedanken. Ohne deine Erklärungen, Übersetzungen und Antworten auf meine tausend Fragen wäre es ein ganz anderes China-Erlebnis geworden - mit viel weniger Einblick und Verständnis, dafür aber mit viel mehr Problemen. Ja, ich habe sogar gefragt, welche Bananensorten in Yunnan wachsen. Inzwischen weiß ich, dass das so ist, als hätte ich einen Österreicher danach gefragt, welche Olivensorten in Spanien wachsen. Nichts desto trotz hoffe ich, dass du die Reise ebenso genossen hast, wie ich. Du kannst sehr stolz auf dich sein, die sechs großen Abenteuer überlebt zu haben. Glückwunsch und nochmals vielen, vielen Dank.



 

© Florian Rickert aus München, In das Gästebuch von Florian Rickert schreiben






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