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| Weniger ein Reisetagebuch, als vielmehr ein paar Eindrücke über China und die Chinesen. |
Warum China?
Nun, warum bin ich nach China gefahren? China ist auf dem Weg zu einer der Großmächte der Erde und so sind die Zeitung voll von China hier und China da. Jeden Tag gibt einen neuen Artikel: "China der herausfordernde Markt", "Roter Drache greift deutsche Firmen mit billigen Produkten an", "Erfahrungen eines Deutschen der seit ein paar Monaten dort lebt", "Die wachsende Wirtschaft zerstört die Natur", "China - wo alle Schafe schwarz sind", "Shanghais beste Einkaufszentren", "Angesagteste Touristenziele in China", "China erobert: in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und mit seiner Armee", "Kommunismus = Kapitalismus = China?"
Aber andererseits kenne ich ziemlich wenige Menschen, die jemals in China waren um sich einen tieferen Einblick zu verschaffen. Ich war sehr gespannt: Wie ist China? Wie riecht es? Also? Auf geht's! Siehe nach!
Überdies wohnt meine gute Freundin Nanfen dort - und das ist immer ein guter Grund dorthin zu fahren! :-)
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Was der Reiseführer sagt
Es wird wirklich eine intensive Erfahrung werden. Der Reiseführer konfrontierte mich unter anderem hiermit:
1. Chinese lassen Ausländer nur ins Land weil sie deren Geld wollen. (Logisch, aber man kann das schön und nicht so schön ausdrücken. Natürlich möchte ich nicht wie ein Geldbeutel mit zwei Beinen angesehen werden.)
2. Manche Dinge sind einfach strikt geregelt und unfair (Hotels geben dir erst das billige Zimmer, wenn alle teuren vermietet sind. Manchen Hotels ist es nicht erlaubt Ausländer zu beherbergen. etc.)
3. Leider führt eine Beschwerde zumal eine impulsive oder wenn man sauer wird dazu, dass mein sein Gesicht verliert - und damit jegliche Chance.
4. Der Reiseführer empfiehlt, die Unterschiede einfach hinzunehmen und das beste daraus zu machen. Andernfalls wird man seinen Urlaub nicht genießen, sauer sein und frustriert heimkehren.
Für mich ist es das erste Mal, dass ich nach Fernostasien reise, und wie es aussieht, wird es nicht so einfach werden. Jetzt bin ich noch gespannter auf die Reise. Wie herausfordernd wird es werden?
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Emotionen und Erwartungen
Diese Woche war wirklich anstrengend im Büro. Letzte Nacht habe ich gar davon geträumt, wie man den Datendurchsatz eines Programmes an dem ich arbeite noch verbessern könnte: Ich denke jetzt bin ich wirklich reif für einen Urlaub.
Nachdem ich mir den Reiseführer zu Gemüte geführt habe, habe ich mal meine Gedanken ein bisschen schweifen lassen:
- Mein vielleicht erster Kontakt mit China war im Alter von 10 Jahren als der kleine Flo die Geschichten von "Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer" anhörte. In einem dieser Abenteuer fahren sie nämlich nach China und treffen den chinesischen Kaiser. Ehrlich gesagt, erinnere ich mich so, als wären alle Chinesen 12-jährige Mädchen (vor allem von der Stimme her) und als würde alles in einer fluffigen, luftigen, weißen, pling-pling-Welt spielen.
- Eine andere Erinnerung ist aus der Warte eines Beobachters, Bewunderers und Abenteurers - aus der Sicht von Marco Polo. Vor ein paar Jahren las ich zwei Bücher über seine Reise nach China, wo er sowohl auf dem Land als auch, als guter Freund, am Hof des Kubilai Khan war. Ich las über seine Abenteuer, seine Treffen, seine Diskussionen, wie er die Feuerwerke bewundert, wie auch die Astronomie, die strikte Organisation des Reiches und vieler anderer Dinge.
- Um ehrlich zu sein, seit ich in der Zeitung darüber gelesen habe, mag ich die Chinesen nicht, weil sie auf unfaire Weise das Wissen der Firmen absaugen, wenn diese den chinesischen Markt betreten wollen. Ich meine damit, die Joint-Ventures, die ausländische Firmen mit chinesischen "Partnern" aufbauen müssen - mit dem Ziel das Wissen an die Chinesen zu transferieren. Was dazu führt, das die Chinesen das Produkt erst kopieren um dann zu richten Konkurrenten zur ausländischen Firma aufzusteigen.
- Und wie ich dem Reiseführer entnehme, scheint es das selbe Geld-aus-der-Tasche-ziehen zu sein, wenn man das Land als Tourist bereisen möchte. Turbo-Kapitalismus zum Besten.
- Die letzten zwei Punkt lassen mich grübeln was von der chinesischen Kultur wohl noch übrig ist. Hm, und was ist die chinesische Kultur überhaupt? Ich meine außer dem Gesicht verlieren - was sicher nicht mein liebster Teil ist.
Um ehrlich zu sein, habe ich mir schon überlegt, was mich da eigentlich geritten hat, so blöd zu sein, und einfach einen Flug nach China zu buchen. Vielleicht wird es mir dort nicht gefallen? Vielleicht ist es einfach zu viel? Ich hätte einfach nochmal nach Lateinamerika fahren können - die netten Leute, die schönen Strände und das gute Wetter genießen können. Aber nun fliege ich nach China, wo das Wetter jetzt im Winter noch kälter ist als in Deutschland und wo mich eventuell ein Albtraum erwarten wird?
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Erste Eindrücke
Der erste Gedanke als ich den anonymen Flughafen verlassen hatte war: "Oh Mann! Ist das kalt hier! Warum bin ich nicht an einen warmen Ort in Urlaub gefahren!?" Aber, Moment!, ich bin ja wegen der Kultur hier, weil ich China kennenlernen möchte, die Menschen, die Ideen und außerdem ist sich kalt zu fühlen nur ein Problem falscher Kleidung! Ah, ok, ich habe verstanden.
Also mein zweiter Eindruck war, dass China ein sehr entwickeltes Land ist. Überall gibt es sehr moderne Autos, Straßen und Autobahnen sind in gutem Zustand, geschäftige Leute in schönen Anzügen usw. Ich wohnte im Haidian Distrikt von Peking und ich war schockiert: Es gibt hier 4 Spuren für Autos und eine breite Spur für Fahrräder pro Richtung. Die Straße ist voll mit Autos und Bussen und ein paar Radfahrern und einige Fußgänger sind auch unterwegs. Neben der Straße komplettieren Stahl-und-Glas-Hochhäuser die Szenerie. Wo ist der Kommunismus? Wo
ist das graue, dreckige, arme und unterentwickelte China? Wo sind die 5000 Jahre an Kultur und Tradition?
Später fand ich Relikte von all dem, aber ein bisschen überrascht war ich schon.
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China ist groß!
Ich meine: Es ist wirklich groß! Es ist kein Land, es ist ein Kontinent. Es ist fast so groß wie Europa und hat fast doppelt so viele Einwohner.
Man kann auch das spüren wenn man in Peking umher läuft: Ein Straßenblock ist etwa 3 km lang - in München vielleicht 300 m. Von Haidian, das noch in der Stadt liegt, braucht der Bus 1 Stunde bis ins Zentrum - in München wären das etwa 15 Minuten. Wenn man in Peking herum fährt sieht man lauter Häuser und Hochhäuser und noch mehr Häuser und Bürotürme ... man stelle sich vor, wie viele Menschen man bräuchte um all diese Häuser zu bevölkern - genau, 15 Millionen.
In China gibt es die berühmte chinesische Mauer (eigentlich ist es nicht eine Mauer, sondern 5-10 Mauern die verbunden sind aber auch parallel verlaufen). Diese Mauer ist 10.000 Kilometer lang. Wie viele Soldaten braucht man um so eine lange Mauer zu verteidigen? Millionen! Ich war schockiert und Nanfen sagte "Nun Flo, du siehst, in China gab es nie das Problem, dass es zu wenige Menschen gab."
Aber was bedeutet es einer von 1.300.000.000 Menschen zu sein? Es heißt, dass du niemals alleine bist. Es heißt Schlange zu stehen - zum Beispiel 30 Minuten lang um eine Zugfahrkarte zu kaufen, um 6 Uhr morgens. Und es heißt auch, dass du klein und unwichtig ist. Bei der Arbeitssuche etwa. Oder wenn du aus dem Schema ausbrechen möchtest. Das Angebot ist so groß, dass du innerhalb einer Sekunde durch jemand gleichwertigen ersetzt werden kannst. Die einzelne Person zählt nichts - die Gruppe, die Firma, das Land ist das was zählt. Klingt wie ein guter
kommunistischer Plan.
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Das Potential
Wenn auch es für den Einzelnen manchmal nicht so gut ist, so viele Landsleute zu haben, für die Firmen und die Regierung eröffnen sich viele Möglichkeiten.
Sagen wir mal, wir wollen einen 100 km langen Bewässerungsgraben anlegen. Kein Problem, wir nehmen einfach 500 Ingenieure und 50.000 Arbeiter und es wird schon gehen. Was? Es gibt keine Maschinen, Bagger, usw.? Kein Problem, dann schicken wir eben nochmal 50.000 Arbeiter hin.
Nehmen wir an, wir seien Peking und werden in 2008 Austragungsort der Olympischen Spiele sein. Dazu sollten wir wohl ein komplett ausgebautes Metrosystem haben. Momentan haben wir nur 2 Linien. Ok, dann lass uns einfach in den nächsten paar Jahren noch 6 zusätzliche Linien bauen. Wir brauchen 100 Ingenieure pro Linie, als 600 insgesamt. Ok, kein Problem, los geht's!
Natürlich ist eine riesige Menge billiger Arbeitskräfte nicht alles was man braucht. Aber häufig kann man dadurch einfach andere Ressourcen ersetzen (Maschinen, Wissen oder Erfahrung zum Beispiel). Ein anderer Faktor ist eine starke Führung und wenige Rechte für die Bevölkerung.
Das erlaubt es der Regierung zum Beispiel einfach zu sagen: Lasst uns den größten Staudamm der Welt bauen! 1.000 Ingenieure machen einen Plan, die Menschen, in dem zu flutenden Bereich liegen protestieren ein bisschen, werden aber letztendlich einfach umgesiedelt und dann kommen tausende von Bauarbeitern, setzen den Plan um und bald wird der Damm fertig sein. In Deutschland gäbe es erst 15 Jahre öffentlichen Protest, auf der Straße und in allen möglichen Gerichtssälen. Das dauert nicht nur lang, sondern ist auch sehr teuer. Als Ergebnis wird der Damm dann deutlich kleiner ausfallen und nun eine Brücke enthalten, damit die Fische ihn umschwimmen können. Alle Leute, die im Flutungsbereich wohnen werden außerdem auf ihren neuen Häusern goldene Dächer haben. Nach 20 Jahren wird der Bau begonnen werden und auf der Baustelle werden 100 Maschinen und 10 Arbeiter zu sehen sein, außer am Wochenende, dann ist niemand dort. Natürlich hat das auch Vorteile und ich möchte beispielsweise auch nicht, dass direkt neben meinem Haus eine Autobahn gebaut wird.
Zusammenfassend muss ich sagen, dass dies der für mich beeindruckendste Teil an China ist: Die Möglichkeit etwas einfach in die Tat umzusetzen. Heute entschließen wir uns für etwas, morgen überlegen wir, wie es am besten gemacht werden kann und übermorgen setzen wir es um. Die Macht Dinge zu realisieren, so wie man möchte (wenn man die Regierung ist).
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Studieren
In Vorlesungen in deutschen Unis, wenn es dort chinesische Studenten gibt, sitzen sie typischerweise immer in der ersten Reihe, dann kommen 1-3 leere Reihen und dann kommen die Deutschen. Ich habe immer überlegt, warum die Chinesen dort sitzen. Und warum schreiben sie jedes einzelne Wort, dass der Professor sagt mit?
Warum sind sie fokussiert auf ihr Studium?
Dies sind die Gründe, die ich gefunden habe:
- Tut mir leid, wenn es langweilig wird, aber einmal mehr ist es die Menge an Leuten. Denn viele Menschen bedeutet auch viele Konkurrenten.
- Um den Konkurrenzdruck noch zu erhöhen, gibt es viele Rankings. Insbesondere gibt es bundeslands- und landesweite Olympiaden für die unterschiedlichen Fächer (Mathematik, Englisch, Buchstabieren, etc.). Außerdem werden alle Schüler einer Klasse und eines Jahrgangs nach Noten sortiert. Die wirklichen Noten sind also nicht so wichtig, sondern vielmehr ob man unter den besten 10%, 20% oder zumindest 50% ist. Wenn du dem unteren Ende nahe bist, hast du und haben deine Eltern ein Problem. Zum Glück gibt es da eine weitere Statistik: Die Statistik der Leute, die die meisten Plätze im Vergleich zum Vorjahr gut gemacht haben.
Alle Schulen, die ich in meiner deutschen Schullaufbahn besuchte, gab es kein offizielles Ranking. Stattdessen wird diskutiert die Noten in der ersten bis zur vierten Klasse komplett abzuschaffen. Und zumindest in der Realschule und Fachoberschule musste man schlechte Noten haben um cool zu sein. Die mit den schlechtesten Noten bekamen einen Cocktail um sonst auf der Schulparty am Ende des Jahres. Wenn man gute Noten hatte, hat man dies meist nicht laut gesagt.
- Viele Familien in China haben nur ein Kind. Dieses eine Kind muss dann natürlich der große Stolz der Eltern werden. Muss alle ihre Träume eines perfekten Kindes erfüllen. All ihre Hoffnung beruht auf diesem einen Kind. Auch wenn es in der Familie mehr als ein Kind geben sollte, so kann normalerweise aus Kostengründen nur eines studieren. Die Familie macht also einen internen Vergleich der Kind und das vielversprechendste wird dann an die Uni geschickt.
Manchmal legt auch das ganze Dorf zusammen um eines der Kind an die Uni schicken zu können. Wenn ich mir vorstelle, dass auf mir die Hoffnung meines gesamten Dorfes ruht, würde ich auch in der ersten Reihe sitzen und immer aufmerksam zuhören. Ich würde 24 Stunden am Tag lernen.
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