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Auszug aus meinem Buch "Wie sterben eigentlich Adler?"
Yukon Rundmails - Teil IV |
Der nächste Morgen fand mich auf dem Weg in den Kluane Nationalpark. Kein Jahr ohne mindestens eine mehrtägige Wanderung dort. Bei erneut hervorragendem Wetter dauerte die Fahrt ewig, weil ich ständig anhielt, um Fotos zu schießen. Im Besucherzentrum checkte ich mich für die Slims River East Route ein. Drei Tage wollte ich unterwegs sein. Meiner Form entsprechend war das ein eher lockererer Trip. Ich fuhr auf der Haines Road gen Osten, um noch eben den Kathleen Lakes „Hallo“ zu sagen. Es ist immer das gleiche Problem: Es gibt so viele Stellen, die ich schon gesehen habe, aber dort immer wieder vorbei will, um zu sehen, wie es zu diesem Zeitpunkt dort aussieht. Am liebsten wäre ich überall zugleich im Yukon gewesen, um den Indian Summer an den verschiedensten Orten zu genießen. Meine Seele schrie richtig auf, um den Niedergang der Fauna im Herbst zu stoppen. Nur die Gewissheit, dass sie im Frühjahr erneut aufblühen und im darauf folgenden Herbst in einem ebenso spektakulären Farbenrausch untergehen wird, linderte den Schmerz, den ich dabei empfand. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass ich dann wusste, dass ich den Yukon bald verlassen würde. |
Ich fuhr zurück und weiter nördlich auf dem Alaska Highway in die Sheep Mountain Region, in der der anvisierte Trail liegt. Wie üblich war ich begeistert, als der Schafsberg sich nach rund 60 Kilometern vor mir in den Himmel reckte und sich im Kluane Lake spiegelte. Ich überquerte die Brücke über Slims River und Kluane Lake, fuhr bis zum schon geschlossenen Besucherzentrum dort und ein wenig darüber hinaus. Ich machte viele Bilder, was eigentlich Blödsinn war. Den Kluane-Dia-Vortrag sehe ich eh schon als meinen besten an und bei der Zusammenstellung blutete mir damals bereits das Herz wegen der ganzen fantastischen Bilder, die ich weg lassen musste, weil der Vortrag sonst zu lang werden würde. Ich sah mir schon mal den Trailhead an, zu dem ich ein paar Kilometer über eine Nebenstraße fahren musste. |
Sheep Mountain und Nordlicht
Anschließend stellte ich Rusty an eine einsame Stelle am Kluane Lake, trocknete meine Ausrüstung und packte den Rucksack für den bevorstehenden Hike. Eigentlich wollte ich ja noch ein paar Sonnenuntergangsfotos mit knatschblauem Himmel machen, aber der Lorenz sprang plötzlich hinter den Sheep Mountain und ließ mich blöd guckend zurück. Allerdings sah es nach einer guten Nacht für Nordlichter aus. Rund drei Stunden später waren sie da. Vor sternenklarem Himmel tanzten sie durch die dunkle Nacht. Groß und breit an der einen Stelle, zart und fast durchsichtig an der anderen, die Form rasend schnell verändernd schimmerten sie grünlich. Der See war ruhig und spiegelte die Nordlichter zusammen mit der Silhouette des Sheep Mountains. Von diesem Anblick konnte ich kaum genug bekommen. Nach einer Weile fiel mir ein, dass ich das vielleicht fotografieren sollte und ich sprang mit Kamera, Stativ und Fernauslöser über den Strand. Nachts fror es bereits. |
Was, bitte, ist ein „knoll“?
Bei gutem Wetter wanderte ich am folgenden Morgen früh los. Der Rucksack war nicht allzu schwer und ich wanderte am Ostufer des Slims Rivers entlang. Die ansprechendere aber auch anspruchsvollere Westroute hatte ich 1995 schon gemacht. Es handelte sich um eine Route, die im Gegensatz zu einem Trail halt nur eine grob vorgegebene Route – eben – ohne konkret markierten Weg ist. Trotzdem war zu Beginn ein gut ausgetretener Weg nicht zu verfehlen, selbst von mir nicht. Zuerst ging es durch einen Wald in dem einige Bäche zu überqueren waren. Doch an den meisten Stellen waren abgestorbene Bäume entastet und über den Bach gelegt worden. Manchmal kam ich auch mit einem beherzten Sprung trockenen Fußes an das andere Ufer. |
Hinter dem Wald musste ich ein mehrere hundert Meter breites Steinfeld überqueren. Dieses war durch den im Frühjahr von der Schneeschmelze Hochwasser führenden Bach geschaffen worden. Steinhaufen und -männchen – hier Cairns oder Inukshuks genannt – wiesen mir den Weg. Hunderte von Grashüpfern sprangen um mich herum auf. Ich verfügte über drei verschiedene Wegbeschreibungen, die sich in einigen Punkten extrem widersprachen. Insgesamt konnte ich das Ziel jedoch nicht verfehlen, weil ich halt immer zwischen Slims River und den Bergen im Osten bleiben musste. Nach einer Weile lief ich direkt am Fluss entlang durch dessen wunderschönes Tal: Schroffe, steinige Felsen im Westen standen den in den Herbstfarben leuchtenden, bewaldeten Bergen auf der Ostseite gegenüber. Einziger Wermutstropfen war der Himmel, der nach einer Weile komplett von einer dünnen, weißen Schicht Wolken oder Hochnebel überzogen war. |
Plötzlich tat sich vor mir eine überflutete Wiese auf. Ich stiefelte natürlich mitten durch, alleine schon um wieder das von der Tombstone-Wanderung gewohnte Gefühl der nassen Füße zu haben. Das hatte ich ja schon seit mindestens drei Tagen nicht mehr gehabt. Auf der anderen Seite angekommen sah ich dann, dass es wohl auch einen Weg um diese Wiese herum gibt. Das war dann wohl der „knoll“ aus einer der Wegbeschreibungen, was ich nicht hatte übersetzen können. Nun, ich werde es jetzt wohl nicht mehr vergessen. In dem riesigen Flusstal war es mittlerweile recht windig geworden. Nach fünf Stunden und etwa 16 Kilometern wandern kam ich an einen schönen See und beschloss spontan, dort mein Lager aufzuschlagen. Das war ja ein ganz neues Gefühl, bei einer Wanderung mal nicht völlig ausgepumpt irgendwo anzukommen. Ich baute mein Zelt auf und ruhte mich aus. Nach einer Weile hatte ich genug des Ausruhens und machte mich auf in die Berge. Von hier aus war die Aussicht natürlich noch schöner. |
Der grausame Tod Slim’s
Bei kühlem Wetter, aber klarem Himmel machte ich mich am nächsten Morgen nur mit meinem Daypack auf den Weg. Das Zelt blieb wo es war. Nach einer Tageswanderung wollte ich wieder hierhin zurückkommen. Ich kam gut vorwärts und flott an das Ende des Tals. Hier stand nun die Entscheidung an, ob ich den Vulcan Mountain hoch steigen und die Aussicht auf den Kaskawulch Gletscher genießen oder mich unten am Gletscherende tummeln wollte. Da der Berg sehr hoch aussah und es mittlerweile richtig heiß geworden war, entschied ich mich für das Tummeln. Das hatte ich 1995 auch vorgehabt. Damals war mir ein Grizzly dazwischen gekommen. Zuerst musste ich allerdings auch hier einen Hügel hoch. Von diesem aus sah ich auf den See, der sich am Ende des Gletschers gebildet hatte und aus dem der Kaskawulch River wurde. Ich setzte mich hin und betrachtete den kalbenden Gletscher. Wie Schwäne trieben tonnenschwere Gletscherabbrüche in dem See. Auf der anderen Seite sah ich den imponierenden, zig Kilometer langen Rest des Kaskawulch Gletschers vor dem gleichnamigen Berg. Ich genoss diese Aussicht eine halbe Stunde bevor ich mich auf den Rückweg machte. |
Ich nahm einen anderen Weg zurück, quer durch den Wald. Mal wieder ein wenig bush whacking praktizieren. Unten am Hügel angekommen, versuchte ich möglichst nah an den Gletscher heran zu gehen. Dabei musste ich aufpassen, nicht in den Treibschlamm zu geraten. Das ist vom Gletscher ganz fein abgeschliffenes Felsgestein, das sich mit aufgetautem Eis zu einem schnell nachgebenden Matsch verbindet, in dem man wirklich versinken kann. Es machte mir riesig Spaß, dicke Steine in diese Pampe zu werfen, die mit einem satten Schmatzen untergingen. So war der Fluss übrigens auch zu seinem Namen gekommen (nein, nicht durch die Steine, die ich hinein warf!): Das Pferd eines Goldsuchers, das eben Slim hieß, war in diesem Schlamm runter gezogen worden und erstickt. |

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