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| Zu viele Hühnchen - Kurzgeschichte |
1.
Ralph war aus New York, groß, schwarz und Frührentner. Mein Nachbar kannte ihn flüchtig, weil er alle paar Jahre nach Sydney kam und immer in dem selben kleinen Hotel, drei Häuser weiter, wohnte. Obwohl er so riesig – und Amerikaner – war, war er einer der leisesten Menschen, die ich jemals kennen gelernt hatte. Ralph war nach dem Militär zur Polizei und nach fünfzehn Jahren direkt in den Vorruhestand geraten, weil irgendwas mächtig schief gelaufen war. Natürlich spielte eine Schießerei eine Rolle, genauso, wie man es immer in den Filmen sah. Aber das Thema war ihm unangenehm und so habe ich nie herausbekommen, worum es dabei genau ging. Nur, dass er mittlerweile eine staatlich bezahlte Therapie und verschiedene Jobs hinter sich hatte. Wahrscheinlich hatte er jemanden aus Versehen umgenietet, aber genau wollte ich das gar nicht wissen. |
Ich traf ihn fast jeden Abend unten im Pub und fragte ihn, wie er seinen Tag verbracht hatte. Er hatte keinen Leihwagen und erledigte alles per Bus und Bahn, eine echte Quälerei im Hochsommer. Wenn ich konnte, nahm ich ihn irgendwohin mit, aber das kam eher selten vor. Das übliche Programm hatte er schon seit Jahren durch, er unternahm eher kleine Ausflüge. Wahrscheinlich gefiel es ihm einfach in dieser Stadt. |
Vor zwei Jahren hatte Ralph angefangen zu knipsen und seitdem verschiedene Fotokurse belegt. Er hatte lange auf seine gebrauchte F2 und den Standardsatz Nikkor-Objektive gespart und nahm sie überall hin mit. Der Mann verschoss in einer Woche glatt zwanzig Filme oder mehr, absoluter Wahnsinn. Sein momentanes Thema war das australische Strandleben. Er hatte im Herbst zusammen mit anderen Mitgliedern seines Kurses eine Fotoausstellung in New York. Geld gab es dafür zwar nicht, aber immerhin war es ein Anfang. |
An diesem Abend saßen wir mit den üblichen Verdächtigen bei ein paar Bier zusammen und ich erzählte ihm, dass ich morgen mit Sue – meiner aktuellen Affäre – raus nach Bondi Beach ein bisschen abhängen wolle und ob er nicht Lust habe mitzukommen. Ralph war immer ein bisschen schüchtern und ich hatte ihm schon mindestens zehn Mal vorgeschlagen, er könne mich hierhin oder dorthin begleiten und so war ich ziemlich überrascht, dass er dieses Mal einwilligte. |
Sue hatte ich vor ein paar Wochen auf einer Fete drüben in Manly kennen gelernt, bei der es zu spät für die letzte Fähre geworden war. Am Morgen saßen wir dann eine Stunde gemeinsam am Hafen und fuhren später zusammen zurück. Sie war ganz nett, sah wirklich nicht schlecht aus und war ziemlich gut im Bett. Mit Letzterem hatte ich nicht unbedingt gerechnet und so langsam dämmerte mir, dass diese Tatsache wohl ein Hauptgrund war, mich weiter mir ihr zu treffen. Darauf war ich natürlich nicht gerade stolz, aber ich zwang sie ja auch nicht, andauernd bei mir aufzutauchen. |
An diesem Morgen wollte Ralph noch in eine Ausstellung und so trafen wir uns erst am Mittag im Schatten des Vordachs vom Pub und warteten auf Sue. "Wenn sie in fünf Minuten nicht hier ist, hauen wir ab“, sagte ich, denn ich bereute es bereits wieder, mich mit ihr verabredet zu haben. Aber Ralph erwiderte "Ist doch kein Problem, wir haben doch Zeit, Mann“ und legte einen frischen Film in seine Nikon ein. Aber nach ein paar Sekunden bog sie ohnehin um die Ecke. |
Wir schnappten uns den Bus Richtung Bondi, eine elende Tortur, denn die alten Mercedes-Diesel quälten sich nicht nur im absoluten Schneckentempo die Hügel hinauf und hinab, sondern hielten auch noch ungefähr alle zwanzig Meter. Das dauerte gut und gerne viermal so lang wie mit dem Wagen, aber ich wollte nachher vielleicht noch ein paar Bier am Strand trinken und hatte absolut keine Lust, den Taxifahrer zu machen. |

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