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Auszug aus meinem Buch "Berge können nicht Kanu fahren"
Yukon Rundmails - Teil I |
Yukon-Rundmail 3.1
Hallo Cheechackos (so heißen die Greenhorns hier),
es folgt der Ross- und Pelly-River-Bericht:
Bin mit Pia über die Canol Road zum Sheldon Lake, dem Ausgangspunkt meines Kanutrips, gefahren. Die muss man sich wie einen 500 Kilometer langen Sandkasten vorstellen. Aber traumhafte Ausblicke. Auf der ganzen Strecke sah ich nur sieben Autos, zwei Motorradfahrer – natürlich Deutsche – und drei Fahrradfahrer.
In Ross River war Schluss, weil man hier nur per Fähre über den Fluss kommt und diese nur bis 17 Uhr fährt. Bis jetzt war ja Carmacks für mich das Pisskaff des Yukons schlechthin, aber Ross River stellt es bei weitem in den Schatten. Hier sagen sich noch nicht einmal Fuchs und Hase „Gute Nacht”, weil kein Fuchs da ist. Abends um 23 Uhr gab es auch nichts mehr zu essen, aber bekanntlich ersetzen ja drei Bier eine Mahlzeit. Insofern speiste ich doch noch. |
Am folgenden Morgen ging etwa 50 Meter vor der Tankstelle der Motor aus: Kein Sprit mehr. Das war ja haarscharf getimt. Das Stück konnte ich gerade noch schieben. Mit der Fähre ans andere Ufer und weiter über die North Canol Road. Jetzt ist noch weniger Verkehr, denn ab hier ist die Canol Road eine Sackgasse, wenn auch mit knapp 400 Kilometern eine recht lange. Sie endet auf dem McMillan Pass, der gleichzeitig auch die „Grenze” zum Nordwest Territorium bildet. Hier und da sah ich alte Trucks, die nach dem Bau des Highways einfach stehen gelassen wurden. Eigentlich ja eine Umweltverschmutzung, geben sie für mich doch schöne Fotomotive ab. Die Maschinen rotten vor sich hin und Pflanzen bahnen sich ihren Weg durch die Karosserien.
Mein Ziel, den Sheldon Lake, erreichte ich nach weiteren ungefähr 200 Kilometern. Leider hatte ich den Reiseführer nicht aufmerksam genug gelesen. Der See ist so etwas wie ein Mückenzuchtgebiet. Versuchte abends im Auto zu pennen, aber irgendwie schafften es die Viecher immer, da rein zu kommen, obwohl ich jede Ritze abgedichtet glaubte. Habe dann Mücken erschlagen, ertreten, zerdrückt, zerquetscht, geachtelt usw., dass das Blut nur so spritzte. Schade nur, dass es meins war. In anderen Ländern wollen sie nur das Geld der Touristen, hier muss man zusätzlich noch mit Blut bezahlen.
Blutleer und mit dick geschwollenen Schultern ging ich also am nächsten Tag auf den See. Nach rund 500 Metern durch dichtes Schilf – wenn man schon `ne Karte hat, sollte man vielleicht auch mal drauf gucken, um sich derartiges zu ersparen – war ich auf dem Ross River und hatte keine Mücken mehr. Jedenfalls nichts, was der Rede wert gewesen wäre. Der Fluss schlängelte sich durch den Wald und wurde noch zweimal durch Seen unterbrochen, bevor es richtig losging. |
Yukon-Rundmail 3.2
Der Fluss war glasklar. Ich habe am Ross jede Menge Tiere gesehen. |
Meine ,morgendlichen' Elche
Jeweils morgens um 14 Uhr – ich stand meistens etwas später auf – sah ich an drei Tagen hintereinander eine Elchkuh mit Kalb. Ich hegte ja schwer den Verdacht, dass das Touristenbüro die immer einen Tag weiter schickte. Sehr schön war es anzusehen, wie die Elchkuh dem Kalb geradezu zärtlich den Kopf in den Nacken legte. |
Dazu gab es reichlich Weißkopfseeadler – einer fungierte als sehr interessierter Zuschauer beim Spatengang –, Biber, Schwarzbären und einmal sogar drei junge, pechschwarze Timberwölfe. Ich war hin und her gerissen, ob ich anhalten oder weiterfahren sollte, um die Jungs nicht zu stören. Entschied mich für die tierfreundliche Variante.
Das sind die so genannten Highlights, die man an Verwandte und Freunde weitergibt bzw. per Foto zeigen kann. Doch diese machen für mich nicht das Eigentliche einer Tour in Kanadas Nordwesten aus. Das sind nämlich die schönen Paddeltage, während derer ich die Landschaft genieße, ein bisschen vor mich hinträume oder wilde Pläne schmiede. Es ist einfach klasse, wenn man nach einem anstrengenden Paddeltag, sein Essen auf dem Lagerfeuer brutzelt – es ist immer genau dann fertig, wenn der Sonnenuntergang gerade in seiner schönsten Phase ist, doch meistens siegt der Bauch über den Fotoapparat –, beim Essen ein Bierchen trinkt und Teil einer unberührten Natur ist, über der ein in Pastelltönen getauchter Himmel scheint. Das kann man nicht nur sehen, sondern man muss es mit allen Sinnen leben. |
Abends wird auf dem Lagerfeuer das Essen gebrutzelt
Na ja, vielleicht sollte man einen Sinn ausschalten. Ich habe es nämlich geschafft in jedes meiner selbst gekochten Essen – bis auf die Pfannkuchen – mindestens eine Riesenzwiebel und zwei Knoblauchzehen zu schmeißen. Also, wenn jemand über Nordamerika fliegt und die Luft schlecht wird, bin ich das wahrscheinlich. Mit den Pfannkuchen hatte ich auch einen heißen Tanz. Da ich reichlich Platz hatte, wollte ich den Pfannkuchen mit Schwung in die Luft werfen und wieder mit der Pfanne auffangen. Nicht bedacht hatte ich jedoch, dass meine Pfanne mit einem Klappgriff versehen ist. So landeten Fett und Pfannkuchen auf meinem Arm bzw. den Steinen. An einem anderen Abend hatte ich eine konstruktive Diskussion mit einem Topf: Während ich der festen Überzeugung war, dass er mittlerweile erkaltet sein müsste, meinte er, noch heiß sein zu müssen. Der Verlierer dieser Diskussion – also ich – erhielt eine Brandblase, der Sieger – der Topf – schien davon kaum berührt. |
Einmal schepperte ich mit dem Kanu übel über einen zuvor nicht gesehenen Stein, der uns fast umgeworfen hätte. Das erinnerte mich daran, dass ich als Solopaddler besondere Sorgfalt walten lassen muss. Schließlich ist keiner da, der mir helfen könnte. Vor jedem Sprung ins Kanu schlage ich mir auf die Brust, um mich zu vergewissern, dass ich die Schwimmweste trage. Der zweite Griff geht zur Hüfte, an der mein Notfallpäckchen mit wasserdichten Streichhölzern, Einwegfeuerzeug, Kompass, Papier und Kugelschreiber usw. sowie – bin ja ein moderner Traveller – Kreditkarte befestigt ist. Mit Griff Nr. 3 kontrolliere ich, ob mein Allzweckwerkzeug (bevor irgendjemand auf dumme Gedanken kommt, es ist ein Leatherman Tool gemeint) und die Taschenlampe am richtigen Platz sind. |

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