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Noch lassen sich die Löwen von uns nicht stören
Auch bei uns im Jeep wird es immer unruhiger. Ulla kann ihre Faszination nicht mehr im Zaum halten und muss sie kundtun. Evans versucht sie immer wieder mit „psst“ zur Ruhe zu bringen. Doch ihre Begeisterung ist so groß, dass sie Evans mahnenden Blick und sein: „Bitte ruhig“ gar nicht wahrnimmt.
Dann ist auch noch Johannes sein Film voll. Noch nie kam mir einen Film zurückspulen so laut vor. Sogar die Löwen lauschen diesem ungewöhnlichen Geräusch. Ulla wühlt im Gepäck nach einem neuen Film. Der Jeep schwangt hin und her. Mir wird immer unheimlicher. Ich habe die Kamera an Karl-Heinz übergeben. Zum Filmen fehlen mir im Moment die Nerven. |
Jetzt nehmen sie uns alle ganz genau ins Visier
Eine der Löwinnen erhebt sich, kommt schleichend auf uns zu und wirkt wie eine Katze kurz vor dem Absprung. Evans reagiert blitzschnell, dreht den Zündschlüssel, der Motor heult auf und wir rollen los. Die Löwin zuckt zusammen und verharrt.
Inzwischen haben sich auch alle anderen erhoben. Sogar das Männchen hat sich von seinem großen Gerippe getrennt. Ihre Aggressivität untereinander ist vergessen. Im Moment sehen sie einzig und allein in uns eine Bedrohung. Evans fährt ganz langsam einen großen Bogen. Als wieder Ruhe eintritt fährt er wieder näher heran und hält nach Johannes seinem Stop-Ruf erneut.
Oben in den Bäumen versammeln sich immer mehr Geier. Auch sie wollen noch etwas von der inzwischen sehr mageren Beute abbekommen. Zwei halbwüchsige Löwen machen sich an einem Stück Fell der Giraffe zu schaffen und üben sich am Tauziehen.
Bei einer der Löwinnen entdecke ich ein Halsband. An ihm befindet sich ein Sender. Hier im Gomoti- Areal befindet sich außer der Wildhundstation auch eine Team, das Studien an Löwen unternimmt. Mit diesem Sender können die Forscher genau ermitteln, wo sich das Rudel gerade aufhält. |
Jetzt reicht' s dem Familienoberhaupt
Nun ist auch noch Karl-Heinz sein Film am Ende. Er nimmt den Fotoapparat beim Spulen unter die Jacke Das dämmt das Spulgeräusch und die Löwen bekommen nichts mit.
Seit unserem Standortwechsel ist unser Blickwinkel nicht mehr ganz so gut. Johannes und Ulla, die durch ihr Spektakel für den neuen Standort verantwortlich sind haben die beste Sicht. Unsere wird durch ein paar Zweige beeinträchtigt. Besonders schlecht hat es die Anne getroffen. Ein paar Meter weiter und wir würden alle gut sehen. Evans bekommt von unserem Problem nichts mit und Johannes ist schön still. Denn er hat ja gute Sicht. Wir müssen es so hinnehmen. Ein Rufen über Johannes und Ulla hinweg nach vorn zu Evans würde zu laut werden.
Als sich das Löwenmännchen erhebt will die Anne schnell noch ein Foto machen. Doch ein Busch steht ihr zur Hälfte im Weg. Ihre Euphorie ist größer als Evans vorherige Belehrung. Ich kann sie gerade noch am Hosenbund festhalten und zurück in den Jeep ziehen. Sie hat schon mit dem ganzen Oberkörper herausgehangen. Mit ist unangenehm, das ich sie abrupt vom Fotografieren abgehalten habe und werde mich deshalb später bei ihr entschuldigen. Doch wegen eines Fotos mehr oder weniger wollen wir die Anne doch nicht hier im Busch verlieren. Evans hat von diesem kleinen Zwischenfall nichts mitbekommen. Wir werden es ihm nicht verraten. Es wird unser Geheimnis bleiben. |
Die Geier wollen auch noch was von der Giraffe abhaben
Inzwischen ist mein Herzschlag wieder etwas ruhiger geworden und ich kann dieses grandiose Erlebnis noch etwas in Ruhe genießen. Nun nehme ich das Filmen auch wieder selbst in die Hand. So bekomme ich auch noch ein paar von den hungrigen Geiern oben in den Bäumen ins Bild. Denn die hat Karl-Heinz vor lauter Löwen gar nicht beachtet.
Evans stellt den Motor an und rollt langsam zurück. Als wir etwas Abstand gewonnen haben fühle ich mich wieder sichtlich wohler. Wir stoßen auf den Jeep von dem Löwenforscher Pieter Kat, den wir gestern Abend in Gomoti schon kennengelernt haben. Auch er will hier noch ein paar Beobachtungen machen.
Langsam legt sich Evans seine Anspannung. Er wirkt zu Recht etwas verärgert. Er hat uns etwas ganz tolles geboten. Als Gegenleistung wollte er nur, dass wir seiner Bitte entsprechen und uns ruhig verhalten. Zum Glück ist alles gut ausgegangen. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Ich glaube, dass was wir hier erlebt haben werde ich nie vergessen. Es war schon ein Erlebnis der ganz besonderen Art. |
Zweieinhalb Jahre später
Am 07.12. 2002 haben wir dann Pieter und „seine“ Löwen im Fernsehen in der Vox-Tierzeit-Sendung wiedergesehen:
Mit folgenden Worten wurde die Sendung im Internet angekündigt: Groß, majestätisch und gefährlich: Kein anderes Wesen verkörpert unsere Vorstellung vom wilden Tier so sehr wie der Löwe. Über Löwen ist längst alles gesagt - könnte man meinen. Doch obwohl der König der Tiere seit Jahrtausenden unsere Phantasie beflügelt, wissen wir noch immer viel zu wenig über ihn. Und die Zeit läuft den Wissenschaftlern davon. Es gibt nur noch wenige Stellen in Afrika, an denen die großen Raubkatzen wirklich frei und wild leben.
Eine dieser Stellen ist das Okavango-Delta. Das Tierparadies im Norden Botswanas ist die Heimat von ca. 1.200 Löwen - der perfekte Arbeitsplatz für den Löwenforscher Pieter Kat. Seit vielen Jahren studiert er die Raubkatzen. Und seit vielen Jahren beobachtet tierzeit ihn dabei. Er legt den Tieren Sendehalsbänder an, um ihr Revierverhalten zu studieren. Hautproben analysiert er genetisch, um die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen einzelnen Löwen zu entschlüsseln. Blut- und Kot-Tests schließlich liefern ihm wertvolle Hinweise auf Krankheiten und Parasiten, die den Tieren zu schaffen machen.
Jahrelang stützte sich die Löwenforschung vor allem auf Erkenntnisse aus der ostafrikanischen Serengeti. Für die Löwen des Okavango-Deltas hat Pieter Kat dagegen einige erstaunliche Entdeckungen gemacht: Während man bisher annahm, dass Löwenrudel feste Zusammenschlüsse eng miteinander verwandter Weibchen seien, scheint es sich in Botswana eher um lose Zweckverbände zu handeln. Auch die Rolle der männlichen Löwen ist längst nicht so dominierend wie im Osten des Kontinents. Die Jungen des Rudels können unterschiedliche Väter haben, und selbst umherziehende "ledige" Löwenmänner paaren sich mit Weibchen aus verschiedenen Rudeln. Gemeinsam lässt es sich einfach besser jagen und den Nachwuchs aufziehen - nicht mehr und nicht weniger steckt hinter dem Mythos "Löwenrudel".
Pieter Kats Familienleben ist mindestens so abenteuerlich wie das seiner Forschungsobjekte. Zusammen mit seiner Frau Kate, ebenfalls Biologin, und vier ihrer acht Kinder wohnt er im Zeltlager am Rande des Moremi- Nationalparks. Strom oder fließendes Wasser gibt es hier nicht, gegessen wird im Freien. Und den Unterricht im Schulzelt erteilt Mutter Kate selbst. In ihrer Freizeit helfen die Kinder bei der Forschung mit.
In ganz Afrika wird die Zahl der Löwen auf rund 15.000 geschätzt, und sie geht weiter rapide zurück. Pieter Kat hat herausgefunden, dass fast 90 % der von ihm untersuchten Löwen mit FIV infiziert sind, das dem menschlichen AIDS-Virus ähnlich ist. Zwar wirken alle Tiere bis jetzt vollständig gesund. Doch die Immunschwäche könnte sie anfällig für Rinderkrankheiten und andere Epidemien machen.
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