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Kanutour auf dem Yukon River von Circle bis Yukon Crossing
Auszug aus meinem Buch "Yukon - Der große Fluss"
Yukon Rundmails - Teil VIII |
Anderntags hielt ich mich am rechten Ufer, weil es am linken einen Whirlpool – einen riesigen Strudel – geben sollte. Der Flussführer erwähnte, dass viele Paddler sich in den Flats verloren vorkommen würden, weil eine Orientierung nicht möglich wäre. Meine große Stunde schlug, da ich mir überhaupt nicht verloren vorkam, schließlich war ich es gewöhnt orientierungslos zu sein. Als hätte ich jahrelang für dieses Stück trainiert. Den Whirlpool sah ich allerdings nicht, so dass ich annahm, schon vorbei zu sein und paddelte in den Hauptkanal zurück. Die Steilufer wurden vom Fluss abgetragen und oftmals hörte ich ein lautes „Platsch“, wenn ein Stück in den Fluss fiel. Also nicht zu nah an die Ufer ran. |
Dafür hatte ich Magen- und Darmprobleme, so dass ich mich schlapp fühlte und außerplanmäßig mehrere Inseln anlief. Startende und landende Flugzeuge signalisierten mir (das hatte jetzt nichts mit meinen Inselstopps zu tun), dass ich mich in der Nähe von Fort Yukon befand, einem ehemaligen Handelsposten der Hudson’s Bay Company. Ich war nun oberhalb des Polarkreises und sollte es für etwa 20 Kilometer bleiben. Auf der anderen Seite war hier mit knapp 38° die höchste Temperatur in Alaska gemessen worden. Während die generelle Richtung bis dahin Nordwesten war, sollte es nun nach Südwesten gehen. Früh schlug ich mein Camp auf und erholte mich im Zelt. Prompt schlief ich ein und es gab nur ein kaltes Abendessen zu vorgerückter Stunde, nachdem ich die Augen wieder aufmachte. |
Mit dem Kanu über den Yukon
Der Morgen begann mit Regen und ich blieb im Zelt. Dabei sollte es in den Flats nur rund 25 Zentimeter Regen pro Jahr geben. Dafür war es tagsüber sonnig und tierisch heiß. Teilweise legte ich die Hosenbeine an, damit mir nicht Oberschenkel und Kniegelenke verbrannten. Etwa eine Stunde paddelte ich bevor ich Fort Yukon erreichte. Schon lange vorher sah ich einige große Benzintanks und hielt knapp unterhalb von ihnen. Der Flussführer warnte davor, dort zu übernachten. Fort Yukon ist nämlich „wet“, dass heißt, dort gibt es Alkohol zu kaufen. Die Dörfer drum herum sind „dry“ – kein Alkohol. Deshalb kommen viele Leute aus den umliegenden Dörfern nach Fort Yukon, um sich dort zu besaufen. |
Albtraum Fort Yukon
Nachdem ich mir Fort Yukon angesehen hatte, fiel mir auch nicht mehr ein, was ich dort hätte machen sollen. Direkt am Fluss standen viele alte Blockhütten, teilweise nur notdürftig verrammelt, teilweise zusammen gefallen. Bei ersteren dachte ich, dass sie verlassen wären, bis ich Leute heraus kommen sah. Knapp 600 Menschen nennen Fort Yukon ihr Zuhause. Überall lag Müll herum, alte Autos standen wild auf den Grundstücken herum und mitten im Dorf wummerten die Generatoren, die den Ort mit Strom versorgten. Fort Yukon ließ Ross River und Carmacks für mich in vollkommen neuem Licht erscheinen. Der perfekte Ort, um sich an einem verregneten Tag aufzuhängen. Glücklicherweise schien gerade die Sonne. Die Leute waren allerdings durchgehend freundlich. |
Albtraum Fort Yukon
Landschaftsmäßig war es flach, mit vielen Inseln, die mit Sträuchern und Bäumen bewachsen waren. Der Yukon soll hier bis zu 30 Kilometer – oder waren es gar Meilen? – breit sein, natürlich mit vielen, riesigen Inseln dazwischen. So breit war ich noch nie, wenn man von der Party an meiner Hütte absieht nach der Hans mir den Strom abdrehte, oder als ich vor zwei Jahren mit Kai und Thomas im Capital getrunken hatte, oder als ich mit den Bazis bei Lucien Whisky pur gesoffen hatte, oder als ich mit Andre an meiner Hütte die Flache Baccardi leerte oder ... lassen wir das. Vielleicht ist das kein so guter Vergleich. Auf jeden Fall sind 30 Kilometer – oder Meilen – für einen Fluss schrecklich breit. |
Internetzugang gab es nicht und meinen Plan, jemanden zu fragen, ob er mich, Kanu und restliche Ausrüstung gegen Entgelt mit dem Motorboot den Porcupine River bis Old Crow fahren würde, gab ich direkt auf. Ich wollte möglichst rasch aus Fort Yukon hinaus und setzte das schnellstens in die Tat um. Ich sah den Porcupine nicht einmal in den Yukon münden, weil ich nie wusste, was Insel und was Festland war. Versehentlich fuhr ich einmal in einen Seitenarm ein, kam aber schnell in die Hauptströmung zurück. Die war weiterhin sehr flott und hauptsächlich dafür verantwortlich, dass ich zügig vorwärts kam. |
In Unterhose am Polarkreis
Da ich wegen des breiten Flusses und der vielen Inseln keine einströmenden Bäche mehr erkannte, trank ich Yukonwasser. Dazu kochte ich es, setzte es vom Feuer ab, wartete bis sich der Silt am Boden absetzte und goss es schließlich vorsichtig in meinen Kanister und die Trinkflasche. Immer noch war ich oberhalb des Polarkreises, doch nach einem Bad saß ich bis 23 Uhr nur in Unterhose draußen und genoss die Stille. Die Tage in den Flats vergingen. Möwen kamen oft heran geflogen, wenn sie mich auf dem Fluss sahen, sagten etwas in möwisch und verschwanden nach einer Weile, wenn ich nicht passend antwortete. Wenn sie auf mich runter koteten verstand ich sie. Das hieß „Verpiss dich!“ Eine hätte sogar beinahe das Kanu getroffen, wenn ich nicht blitzschnell beigedreht hätte. Eine Jungmöwe – erkennbar am grauen Federkleid – flog lange etwa einen Meter neben mir her. |
Ich kam durch einen Abschnitt wo es gebrannt hatte: Schwarze Baumstämme und Rauch. Zwei Grizzlys liefen am Ufer einer Insel entlang. Endlich richtige Tiere, die ich in aller Ruhe beobachtete. Weit hinten sah ich einige Hügel und noch weiter dahinter die schwarze Silhouette der White Mountains. Dazu war es mächtig heiß geworden und entsprechend ließ ich mich bis weit in den Abend treiben. Kurz bevor ich Schluss machte, sah ich am Ufer ein Kanu, ein Zelt und ein Mensch. In der Nacht fiel erneut ein großer Teil der jährlichen 25 Zentimeter Regen in den Flats. |

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